Die Theater-AG der Mittel und Oberstufe des MGB präsentierte Shakespeares „Was ihr wollt“

29.07.2026

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Die Komödie erzählt uns viel über uns selbst und unsere Sehnsüchte. Wir wollen geliebt und respektiert werden. Wir suchen Anerkennung und haben gleichzeitig selbst Tendenzen, Menschen auszuschließen, die anders sind als wir.
Das junge Ensemble der Theater-AG vom Melanchthon-Gymnasium verstand es, diese menschlichen Züge mit viel Einfühlungsvermögen, Spaß am Spiel und jugendlicher Energie zu transportieren und so einem modernen Publikum näher zu bringen. Die Zuschauer erlebten die drei Abende im Guggemol Kellertheater gerührt, erheitert und auch nachdenklich.
Einfältigkeit, Feigheit, Trunksucht. Alle möglichen menschlichen Schwächen werden voller Freude vorgeführt. Man erkennt seine eigenen Schwächen immer wieder und darf über sie lachen. Toby und Moby manipulieren und hetzen haselmäusige Kontrahenten aufeinander. Es kommt zu witzigen Verwechslungen und die Fragen „Wer ist wer?“ und „Wer bin ich tatsächlich?“ stehen eigentlich ständig im Raum.
Toby und Moby vollenden sich gegenseitig ihre Sätze. Da ist gutes Timing gefragt. Andy und Dandy vollführen groteske Kampfmanöver, die zum Schreien komisch sind. Maria und Maria potenzieren die List und die Schadenfreude. Sebastian und Viola spielen die gleiche Rolle und können sich selbst kaum fassen. Olivia und Orsino zeigen, wie unmöglich und gleichzeitig spontan Liebe sein kann. Der Narr stellt in seinen Sentenzen die Narrheit der Gesellschaft bloß und ist so kindlich authentisch dabei, dass man ihn einfach liebhaben muss. Und Malvolio ist in seinem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung eine tragische Figur. Die vermeintlich kleinen Rollen setzen immer wieder Glanzlichter, sind treu, dämlich, geldgierig, loyal und pflichtbewusst. Sie alle tragen ihren Teil dazu bei, das Ganze zu formen. Die Handlung ist verworren, aber auch wenn die Stränge kreuzweise gebunden sind wie die Knie des Malvolio, so löst sich die fast unerträgliche Spannung schließlich doch und die Komödie gewährt ein erlösendes Ende.
Groß ist der Spaß an der Verkleidung, am Chaos, der Verwechslung und der Täuschung. Eine besonders intensive Szene ist die, in der sich die Geschwister Viola und Sebastian wiedersehen, zunächst aber nur die Rolle sehen, in die sie geschlüpft sind, um sich zu verbergen. Also braucht es eine Weile, bis sie sich des anderen und auch sich selbst versichern können: „Ich bin, wer ich bin“. Saufende und zechende Verwandte, intrigante und rachsüchtige Bedienstete, liebeskranke Adlige, trauernde und sich im Selbstmitleid wälzende Adlige und natürlich der als weiser Kommentator fungierende Narr: Shakespeare schöpft aus dem Vollen und das Ensemble trinkt gierig aus diesem Krug. Sie sind überdreht, zweimal halb besoffen, überschwänglich, lächerlich. Und sie tun dies auf die Gefahr hin, beurteilt zu werden. Aber sie bringen diesen Mut auf und gewinnen dadurch die Stärke, auch abseits der Bühne die eigene Persönlichkeit wertzuschätzen und zu verteidigen.
Das Ensemble hat dem Stück seinen eigenen Stempel aufgedrückt, es zu seinem eigenen gemacht und in der langen Vorbereitung durch Rollenbiografien und intensive Proben den Kern des Stücks nicht nur erkannt, sondern auch verinnerlicht. Durch die Arbeit in der Gruppe, die Begegnungen und das ständige Erkunden zahlreicher Spielmöglichkeiten sind die Jugendlichen in ihrer Entwicklung reifer geworden. Das ist der Zauber des Theaters, dass man sich erfasst, wahrnimmt und dadurch lieben lernt. Denn Liebe ist mehr als partnerschaftliche Beziehung. Sie führt auch dazu, dass jemand, den man aufgrund seines Verhaltens verachtet, einem auf einmal nahe ist. Dass man sein Handeln versteht, auch wenn man dieses nicht akzeptiert. Orsino sagt: „Das wird ein Fest!“ Wenn man den einlädt, den man am liebsten nicht dabeihaben will. Theater ist, so schreiben es die Abiturientinnen in ihrer Verabschiedung, ein „safe space“. Hier können sich junge Menschen entwickeln, sich ausprobieren und in Rollen schlüpfen, ohne sanktioniert zu werden. Hier lernen sie aber auch Disziplin und Rücksichtnahme in der Kooperation mit anderen. Sie agieren gemeinsam, im wahrsten Sinne „ensemble“. Und das Ergebnis sind Tränen der Freude und des Abschiedsschmerzes. Dass im Publikum und an der Technik viele Ehemalige sitzen, zeigt, wie eng diese Verbindung durch das Spiel ist und wie lange sie nachwirkt.
Shakespeare erkannte, dass sich Liebe nicht kontrollieren lässt oder kontrollieren lassen sollte. Am Abend der Dernière verdeutlichten dies die Abiturientinnen in einer selbst konzipierten Schlussszene, die durch den Anschlag auf den CSD in Berlin unbeabsichtigt von trauriger Aktualität war. „Was ihr wollt“ ist ein zutiefst pädagogisches Drama. Eine Lehre, die sich aus ihm ziehen lässt, ist, dass in der Beschäftigung mit etwas dieses Etwas an Wert gewinnt und liebenswert wird. Das gilt des Gleichen auch für Menschen.
„Ach, wir sind wir selber nicht und dürfen doch nichts andres sein, bis alles uns zerbricht!“, klagt Olivia, die schöne Gräfin. Das zeigt, wie schwer es ist, sich selbst zu finden. Und wie schwer es ist, man selbst zu sein. Das gilt insbesondere für Jugendliche und deshalb ist Shakespeares „Was ihr wollt“ ein so spannendes Stück Literatur. Und dann ist da natürlich noch die wichtigste aller Fragen, auf die Shakespeare schon vor über vierhundert Jahren eine sehr moderne Antwort gab. „Und was ist Liebe? Was ihr wollt!“. (Soe)